Imitierende und historisierende Nachbauten sind keine ange­messene Antwort auf zukunfts­orientiertes Bauen, da sie nur allzu oft wie eine leblose Kulisse wirken.
Es ist Aufgabe der Architekten, sich beim Bauen in der Altstadt mit dem geschichtlichen Ort ­auseinanderzusetzen und die Unverwechselbarkeit der unmittelbaren Umgebung in die Entwurfskonzeption aufzunehmen.
Innerhalb einer kleinparzellierten Altstadtbebauung und ihrer typisch engen Straßen- und Wegeführung erschließt sich dem Betrachter eines Gebäudes, jenes nicht zuletzt über die Schrägsicht auf die historisch gewachsenen Vor- und Rücksprünge von Gebäudehöhen und -tiefen. Um hier den Eindruck zu vermeiden, die schützenswerte Bausubstanz ­beschränke sich lediglich auf eine Art Schaufassade, sind auch von öffentlichen Verkehrsflächen aus sichtbar bleibende Grenzwände entsprechend den sonstigen Außenwänden zu gestalten.
In den meisten Fällen ist die ­straßenseitige Fassade eindeutig erkennbar. Die Definition legt  eine klare Trennlinie zwischen der Straßenseitigen Fassade und anderen Fassadenrichtungen fest […]. Die Abgrenzung wurde so vorgenommen, dass die Fas­sade, die beim Blick quer zur Straßen­längsrichtung als dominierend empfunden wird, als straßenseitige Fassade bezeichnet wird. Als Begrenzung hierfür wird ein Abstand von 20 Metern gewählt. Ab dieser Entfernung wirken Fassaden in der Regel nicht mehr prägend auf den Straßenraum, sondern haben lediglich eine Fernwirkung in den Stra­ßenraum hinein.
Die nach außen auskragenden Rollädenkästen erzeugen eine für Fachwerk und Massivbauuntypische Reliefwirkung. Aus der ­normalen Betrachterebene ergeben sich hieraus Überschneidungen und Überdeckungen wichtiger Fassadenbestandteile, so daß der Gesamteindruck einer Fassade verunstaltet wirkt.
Nachahmungen von herkömm­lichen höherwertigen Baustoffen wirken besonders peinlich; sie werden in der Außenarchitektur im gesamten örtlichen Geltungsbereich daher ausgeschlossen. Zwischen Metall und Kunststoffen ist der Übergang jedoch so fließend, daß Nachahmungen von Metallen nicht allgemein ausgeschlossen werden. Dagegen sollen im örtlichen Geltungsbereich spiegelnde und hochglänzende Baustoffe nicht erscheinen, da sie das Stadtbild stören und beim Durchschnittsbetrachter Unlust erregen. Daß sich in spiegelnder Neuarchitektur alte Umgebung zeigen würde, könnte nur so lange gelten, bis auch die Nachbarn gleichgezogen hätten.
Die Zielsetzung ist dabei ein ­gewinnender, harmonischer Gesamteindruck der Straßenbilder, der sich zu einem freundlich-­einladenden Gesamtbild der Stadt zusammenfügen soll.
Jeder Ort hat seine eigene Atmosphäre, die das «Sich-Wohl­fühlen» bestimmt und den Ort für seine Bewohner zur Heimat werden lässt.
Baukultur entsteht dort, wo ­Wesenszüge der Bautradition erkannt und für heutige Bau­aufgaben nutzbar gemacht ­werden. Sie ist nicht Verzierung, sondern Gedächtnis.
Das historische Erbe ist für die Identität […] von entscheidender Bedeutung. Der Wert gewachsener Strukturen liegt auch darin, dass die Spuren unterschiedlicher Zeiten – ferner wie jüngerer ­Vergangenheit – nebeneinander ­bestehen und die verschiedenen «Schichten» der Geschichte sich zu einem abwechslungsreichen und tiefgründigen Bild vereinen. Um diese Qualität zu erhalten, sind nicht bloß Regelungen, wie sie in der Gestaltungssatzung formuliert werden, nötig. Es braucht auch ein Bewusstsein für den Wert des «Alten», selbst ­mancher kleiner, unbedeutend erscheinender Details, die nicht selten unwiederbringliche Zeugen eines Zeitalters sind – aber aufgrund von Unachtsamkeit schnell verloren gehen können.
Die historische Altstadt ist lebendiges Zeugnis der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Ge­schichte. Die Stadt muß sich deshalb immer wieder verän­derten Verhältnissen anpassen, um nicht zum reinen Museumsdorf zu werden.
Glänzende Wandbauteile, glasierte oder grellfarbene Fliesen und Platten sowie Verkleidungen mit Wandteilen aus Metall, Kunststoff, Asbestzement, Waschbeton und Mauerwerksimitationen sowie glänzende Anstriche von Putz- und Mauerwerksflächen sind Außenwandmaterialien, die ganz besonders geeignet sind, die Identität des […] Stadtkernes auszuhöhlen. Diese Elemente überschwemmen ohne jeglichen Bezug auf die regionale Bau­tradition als Katalogware oder Bestandteil der Angebotspalette eines jeden Baumarktes von ­Norden bis Süden die Republik seit […] mehr als 20 Jahren.
Die Harmonie, die historische Stadtbilder ausstrahlen, läßt sich aus einem Ordnungsprinzip ­herleiten: Innerhalb der Einheitlichkeit des Ganzen herrscht eine große Vielfalt und Variationsbreite.
 Die Variationen ergeben sich somit aus einer harmonischen ­Beziehung des Hauses zum Nachbarhaus. Bei gleicher Grundform sollen sich benachbarte Baukörper unterscheiden. Individualität ist gefragt, ein zu großer Kontrast in Form und Material, der eine ­chaotische Wirkung hat, führt jedoch zum Verlust des Geborgenheitsgefühls.

Ein befriedigender Gestaltwert und innere Zustimmung beim Erleben einer gewachsenen Siedlungsstruktur liegen dann vor, wenn sich immer wiederkehrende Ordnungselemente (Wirkung: Ruhe und Einheitlichkeit) mit Ab­wechslungselementen (Wirkung: Überraschung und Unterbrechung) in einem ausgewogenen Gleichgewicht befinden.
Besonders bei Neubauten ist eine sorgfältige und einfühlsame Planung notwendig. Fantasie und schöpferisches Denken sollen aus einer bloßen Nostalgie heraus­führen zur wirklich originellen modernen Schöpfung, die sich dennoch bereichernd in das gegebene Bild einfügt.
Als Qualität bezeichnet man die Eigenschaften der Dinge. Sie ­drücken sich in ihrem Wert, ihrer Beschaffenheit aus. Die Qualität der Dinge ist sinnlich wahr­nehmbar. Unter den «Dingen» versteht sich alles:
– die Natur als unsere ursprüngliche Umwelt,
– unsere Produkte als die künstliche Umwelt und
– schließlich wir selbst als Teil der Natur.
 All diese Dinge stehen in einem komplexen Verhältnis zueinander.
 Ein Gebäude kann man daher nicht isoliert betrachten, es steht in der Landschaft und verändert diese, wie auch z. B. ein Fenster nicht isoliert von der gesamten Fassade gesehen werden kann, da es diese mitbestimmt.
 Entscheidend für Qualität ist also ein ganzheitlicher Ansatz, die Einheit von Form und Inhalt.
Neben Spannung zeichnet Harmonie das Altstadtbild aus. Sie beruht auf dem «menschlichen Maßstab» ihrer Bauten, Stra­ßen- und Platzräume. Das Maß des Menschen bestimmte auch Proportionen und Gliederungen der Fassaden.
Die Fassade als Gesicht des Hauses ist ausschlaggebend dafür, ob wir den Raum als Ganzes erfassen können.
Auf Fenster schaut man aber auch von außen: Sie sind die «Augen» des Hauses, die der Fassade «das Gesicht» geben. Sie bestimmen mit ihrer Teilung maßgeblich die Proportionen der Fassade.
 Einscheibenfenster wirken kalt wie «tote Augen», sie sollten auf kleine Formate und Nebenräume, z. B. für WC, beschränkt bleiben.
 Unterteilte Fenster tun der Fassade gut. Es müssen nicht in jedem Fall «Sprossenfenster» sein. Auch zweiflügelige Fenster sind besser als «tote Augen».
Als oberste Prämisse gilt jedoch: Die Einbindung in die Umgebung ist wichtiger als die Wirkung des Gebäudes als Solitär.
In der Nachbarschaft historischer Gebäude zu bauen, heißt, in ­besonderem Maße Rücksicht zu nehmen. Dabei ist eine histori­sierende Anbiederung ebenso fehl am Platz wie demonstrativer Modernismus. Die angemessene Architektur muß sich aus dem Bezug zur Umgebung im produktiven Dialog schöpferischer Ideen ergeben, oder erwachsen. Dies erfordert – will man die Altstadt in ihrem Gefüge und Erscheinungsbild erhalten –, dass gegenüber dem Bauen auf der grünen Wiese eine Einschränkung in der Gestaltungsfreiheit zwangsläufig die Folge ist. Eine Vielzahl guter, gelungener Beispiele zeigt jedoch, dass «einfühlsames neues Bauen in historischer Umgebung» nicht von Nachteil sein muß. Bescheidenheit ist dabei der beste Ratgeber: Weniger ist meist mehr!